Kleine Häuser (8): Restaurant Paris Moskau

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Alt-Moabit 141, Berlin-Moabit

Was kann man über ein Haus mitteilen, über das schon alles Wissenswerte bei Wikipedia zu stehen scheint?

Nicht bei Wikipedia steht, dass dieses Haus zwei Utopien überlebt hat.

Erste Utopie: Im Oktober 1901 legt der Ingenieur E. Gröninck ein Buch vor, in dem er direkt am Lehrter Güterbahnhof einen neu zu bauenden „Berliner Central-Hafen“ vorschlägt. Zwar hätte dieser nur direkt hinter dem heutigen Restaurant Paris-Moskau gelegen (ähnlich wie der Neubau des Bundesinnenministeriums heute), aber es ist unwahrscheinlich, dass das seit 1896/97 gebaute und von Anfang an als Gaststätte dienende Haus eine Verwirklichung des ambitionierten Plans allzu lange überstanden hätte. Man entscheidet sich jedoch gegen die „Central“-Lösung, und stattdessen werden 1906 bis 1913 der Osthafen und 1914 bis 1923 der Westhafen gebaut.

Zweite Utopie: Um 1938, im Plan des „Generalbauinspektors“ Albert Speer aus der NS-Zeit, soll die Straße Alt-Moabit östlich des Abzweigs der Invalidenstraße, an der das Haus steht, ganz verschwinden. Denn etwas weiter östlich, auf dem Areal des heutigen Hauptbahnhofs und südlich davon, soll die gigantische „Große Halle“ errichtet und westlich von dieser die Spree zu einem großen Becken erweitert werden, vermutlich, damit sich das Monument spiegeln kann und noch mal größer wird. Am gegenüberliegenden Ufer dieses neuen Beckens wiederum, also in etwa am Standort des Paris-Moskau, soll nach Entwurf des Architekten Werry Roth ein Neubau für den Berliner Zirkus Busch errichtet werden. Wäre es jemals zu einem dieser Bauten gekommen, wäre das Haus sicher abgerissen worden.

So sollte das Haus dankbar sein, dass es noch da ist. Doch das ist ihm vermutlich egal.


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Literatur

E. Gröninck: Berlin und seine zukünftigen Central-Bahnhofs- und Central-Hafen-Anlagen, Berlin 1901; Gisela Winkler: Circus Busch. Geschichte einer Manege in Berlin, Berlin 1998, S. 73–75

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