Kleine Häuser (7): Baulücke 119 aus der Wohnbaupotenzialstudie

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Wiesenstraße 11, Berlin-Wedding

Bis zum Abriss ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit. Derzeit erstreckt sich hinter dem kleinen Haus in der Wiesenstraße in Wedding noch ein großer geteerter Parkplatz und einige gewerblich genutzte Flachbauten.

Diese Struktur qualifiziert das Gelände für die Bezeichnung als „BL 119“, wobei BL für Baulücke steht. 2014 hat das Stadtplanungsbüro Jahn, Mack und Partner im Auftrag des Bezirks Mitte, zu dem ja bekanntlich auch dieser tiefste Wedding gehört, eine insgesamt sehr lesenswerte „Wohnbaupotenzialstudie“ erstellt. Darin wird der BL 119 in der Wiesenstraße 11 mit ihren 1.355 qm Grundfläche das Potential zugemessen, 27 Neubauwohnungen aufnehmen zu können. Allerdings wird darauf verwiesen, dass das Grundstück wie so viele potenziell nachzuverdichtende Grundstücke in Berlin Privatbesitz sei, „sodass der Bezirk nicht direkt bzw. allein über das Entwicklungsziel Wohnen entscheiden kann“.

Was wohl im Fall des Erreichens des Entwicklungsziels mit dieser Einfamilienhaus-Perle aus West-Berliner Zeiten geschehen wird?

Wie kommt es überhaupt zu diesem für die Gegend gänzlich untypischen Bauwerk? Der Straube-Plan von 1910 zeigt an dieser Stelle, nah an der Ringbahn gelegen, noch eine gewöhnliche Gründerzeitbebauung mit Vorderhaus und zwei Hinterhöfen. Die Gegend war damals arm, und die Wiesenstraße nahm allerlei Funktionen auf, die man in der Innenstadt nicht haben wollte, so z.B. 1920 eine „Unterkunftsstätte für geflüchtete Ostjuden“ in der Wiesenstr. 55. Der selbst aus Brody in Galizien stammende Feuilletonist und Schriftsteller Joseph Roth berichtete damals in der „Neuen Berliner Zeitung“:  „Die Leute werden gebadet, desinfiziert, entlaust, gespeist, gewärmt und schlafen gelegt. Dann verschafft man ihnen die Möglichkeit, Deutschland zu verlassen.“

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Auf dem Stadtplan von 1951 ist die gründerzeitliche Bebauungsstruktur der Wiesenstraße 11 zwar noch eingezeichnet, aber anders als die rechts angrenzenden Häuser nur noch schwach gestrichelt – Kriegszerstörung dürfte der Grund gewesen sein. Auf dem Plan von 1963 taucht dann erstmals die jetzige Struktur auf, inklusive dem kleinen Haus. Platz war in West-Berlin reichlich vorhanden, und so konnte sich hier eine kleinteilige, vorstädtische Bebauung etablieren, und damit eine Vermeidung von Städtebau. Wie heißt es doch so schön in der Wohnbaupotenzialstudie von 2014 über die Gefahren führungslosen Baugeschehens: „Für das Brunnenviertel, das gesamte Areal des Parkviertels sowie Randbereiche des Zentrums Weddings mit dem Siedlungsbau (aber auch Krankenhaus, Universitätsbau) der 1920er bis 80er Jahre gilt es, Überlegungen zur Arrondierung bzw. Neuordnung von Städtebau rechtzeitig zu führen, bevor ‚irgendwie‘ umgebaut wird.“ Ein Satz, der zwar über Probleme von heute spricht, mit seiner Furcht vor dem „irgendwie“ aber auch ganz gut zum vor Jahrzehnten geschaffenen Status Quo in der Wiesenstraße 11 passt.


Literatur

Joseph Roth zitiert nach Michael Bienert (Hg.): Joseph Roth in Berlin. Ein Lesebuch für Spaziergänger, Köln 1996

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