Kleine Häuser (3): Das andere Brecht-Haus

Berliner Allee 185, Berlin-Weißensee

„Eine Villa wie tausend andere in Berlin: unzerstört, nur etwas vernachlässigt in einem verlotterten Garten, geräumig, und wenn ich mich richtig erinnere, fast teppichlos. Ein schöner alter Schrank, ein paar Möbel bäuerlichen Stils […] Ich schlief in einer Dachkammer, ehedem Dienstmädchenzimmer …“, schreibt Max Frisch.

Im Mai 1950 hatte er, damals noch nicht Autor von „Stiller“ und „Homo Faber“, in diesem kleinen Haus in Berlin-Weißensee übernachtet, vielleicht hinter einem der kleinen Fenster links oder rechts im Obergeschoss.

Frisch war in die Berliner Allee 185 gekommen, um seinen Freund Bert Brecht zu besuchen, der ein Jahr zuvor, im Mai 1949, in das kleine Haus eingezogen war. Frisch und Brecht hatten sich 1947 in Zürich kennengelernt, wo der in den USA wegen seiner Sympathien für den Kommunismus in Schwierigkeiten geratene Brecht für ein Jahr gelebt hatte, bevor er die Einladung des Kulturbundes in der SBZ annahm, nach Ost-Berlin zu kommen.

Um das Haus für Brecht hatte sich der Kulturfunktionär Kurt Bork gekümmert, der Brecht schon aus der Weimarer Republik kannte. Offiziell freigegeben werden musste es durch die Sowjetische Zentralkommandantur. Ende April 1949 zog der Dichter gemeinsam mit Helene Weigel hier ein. Er dachte wohl sofort ernsthaft daran, hier sesshaft zu bleiben, denn schon kurz nach dem Einzug redete Brecht davon, das Haus kaufen zu wollen. Dazu sollte es jedoch nicht kommen, sie blieben nur bis 1953. Dann zog zunächst Helene Weigel im Streit aus, Brecht folgte bald. Beide wohnten dann wieder zusammen in dem heute als „Brecht-Haus“ bekannten Hinterhaus in der Chausseestr. 125 in Mitte.

Das Haus in Weißensee stammt, wie die Rundbogenfenster und Karyatiden zeigen, noch aus spätklassizistischer Zeit, laut Berliner Denkmaldatenbank wurde es 1874 von dem Baumeister Carl Friedrich Schwenke (1840–1916) gebaut, ein Architekt, den heute keiner mehr kennt, der es damals aber immerhin bis zum Professor brachte.

Um 1890 war aus dem Vorort am Weißen See ein Ausflugsziel für die Berliner geworden. Die Miniatur-Vorstadtvilla wurde zum Restaurant mit Biergarten umgewidmet, das Anfang des 20. Jahrhunderts „Zum Deutschen Zelt“ hieß. Zusätzlich errichtete Besitzer Carl Heerdt einen Anbau zum Ausschank an der Straße: „Heerdts Bierquelle“.

Ansichtskarte, aus dem Buch von Michael Haslau und Joachim Bennewitz, „Rund um den Weißen See“, Erfurt 2016

Ab 1930 diente das Deutsche Zelt dann wieder einem ganz anderen Zweck – als Praxis für einen Dr. med Richard Neumann. Hier im Haus spielte sich 1932 ein für die Zeit wohl nicht untypisches Drama ab: Wie der Tagesspiegel 2013 unter Bezug auf einen Artikel aus der Spandauer Zeitung vom 30. Januar 1933 wiedergab, hatte Neumann in seiner Praxis hier im Haus bei der 22-jährigen Charlotte G. aus Steglitz einen (damals illegalen) Schwangerschaftsabbruch vorgenommen. Die junge Frau starb einige Tage an den Folgen des Eingriffs. Neumann hatte sich tagelang Zeit gelassen, um an das Krankenbett nach Steglitz zu kommen. Bevor sie starb, „gestand“ sie. Vor Gericht erklärt Dr. Neumann, dass er sich ‚an manche Einzelheiten nicht erinnern‘ könne und ’nach der Affäre einen Nervenzusammenbruch erlitten und sich längere Zeit mit dem Auto auf Reise befunden‘ habe. ‚Zum Erstaunen der Prozessbeteiligten stellt sich heraus, dass alle Krankenblätter, die dieser Arzt geführt hat, verschwunden sind, insbesondere auch das Krankenblatt, dass die G. betrifft‘ (Spandauer Zeitung).“ Auch wenn der Tagesspiegel dies nicht vermerkte, wird Neumann ins Gefängnis gewandert sein – feststellbar an einem kleinen Detail: 1934 steht das Haus im Berliner Adressbuch als „unbewohnt“.

Von 1935 bis 1945 wohnten und arbeiteten hier zwei Geschäftspartner, die Betreiber einer „Lehrmittel-Verlags-Gesellschaft“ namens Erwin Otto Haberfeld und Rudolf Barwanitz. Haberfeld meldete mehrere Patente an – für Erzeugnisse wie einen „Fensterreiter für Karteikarten“. Nach 1945 nahm er den umgekehrten Weg wie Brecht – während jener 1949 von der Schweiz nach Ost-Berlin zog, trieb es Haberfeld in die andere Richtung: Er war nach dem Krieg scheinbar in Zürich ansässig.

Wie aus Frischs Bericht von 1950 dann hervorgeht, war die Gerüchteküche bereits am Brodeln, wie feudal der vormalige Exilant Brecht in Weißensee angeblich untergekommen sei: „Das Gerücht, dass Brecht, von den Russen in einen Palast gesetzt, wie ein Großfürst hause inmitten der Armut von Ost-Berlin und dass die Weigel […] kostbare Antiquitäten aus der armen Zone käuflich erbeutet habe, fand ich, wie erwartet, nicht bestätigt.“

Nach der Wende bekam eine in der Presse nicht namentlich genannte Alteigentümerin das Haus rückerstattet. Ihre Erben verkauften es 2005, heute ist es ein privates Wohnhaus.

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